Monisha Kaltenborn ist seit knapp einer Woche die erste Teamchefin der Formel 1. Das Sauber F1 Team ist 2012 mit bereits vier Podestplätzen überaus erfolgreich, und der kommende Grosse Preis von Indien führt sie in ihr Heimatland. Es gibt viel zu erzählen.

 

 

In Ihrem Pass heissen Sie mit vollem Namen Monisha Kaltenborn Narang. Warum benutzen Sie Ihren Doppelnamen so selten?

 

Monisha Kaltenborn: „Ich mag meinen indischen Namen sehr gern. Meine indische Herkunft und meine elterliche Familie bedeuten mir viel, deshalb wollte ich Narang nie ablegen. Andererseits muss man einfach sagen, dass Doppelnamen im Geschäftsalltag nicht besonders praktisch sind. Deshalb führe ich meinen vollen Namen nur selten.“

 

Was bedeutet Ihnen der Grosse Preis von Indien?

 

MK: „Da muss ich den beruflichen und den privaten Ansatz differenzieren. Sportlich ist der Grosse Preis von Indien für das Sauber F1 Team ein Rennen wie jedes andere auch. Mit derselben gründlichen Vorbereitung und demselben Anspruch, dort das maximal Mögliche zu erreichen. Die persönliche Komponente ist eine andere. Ich freue mich durchaus ganz besonders auf das Rennen in meiner Heimat. Seit ich beruflich zu allen Grands Prix reise, fehlt mir die Zeit für private Reisen nach Indien. Zu meiner Schul- und Studienzeit war ich sehr regelmässig dort, und mein Mann Jens und ich haben ja auch mit einem ganz tollen und fröhlichen Fest in Indien nach Hindu-Ritus geheiratet. Ich fühle mich Indien sehr verbunden.“

 

Werden Sie im Rahmen des Grand Prix Freunde oder Familienangehörige sehen?

 

MK: „Wirklich Zeit für private Besuche werde ich im Rahmen des diesjährigen Rennens zwar nicht haben, aber ich reise zumindest einen Tag früher an, um mich etwas in Neu Delhi umzusehen und Medientermine wahrzunehmen. Zusätzlich bin ich auch in meiner Rolle als Botschafterin für die Women in Motorsports Commission der FIA involviert sowie in eine Veranstaltung der Initiative F1 in Schools.“

 

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Indien?

 

MK: „Das ist mit Sicherheit meine schöne Kindheit. Weil ich lange ihr einziges Enkelkind war, haben mich meine Grosseltern herrlich verwöhnt, und wir hatten drei entzückende Hunde. Bis ich acht Jahre alt war, besuchte ich die Welham Girls‘ High School in meiner Geburtsstadt Dehradun, eine der ältesten und noch immer traditionellsten Städte im Norden dieses riesigen Landes. Das war eine sehr schöne Zeit mit schönen Freundschaften. Dann entschieden sich meine Eltern 1979, das Land zu verlassen, um mir eine bessere Ausbildung zu ermöglichen.“

 

Weshalb fiel die Wahl Ihrer Eltern auf Österreich?

 

MK: „Ursprünglich dachten sie an eine neue Heimat in einem englischsprachigen Land. Aber Wien war die erste Station unserer Auswanderung, weil ein Onkel meines Vaters dort bei der Atombehörde arbeitete. Es hat uns dort gefallen, und so sind wir geblieben. Ich wurde auch gleich auf eine österreichische anstatt auf eine internationale Schule geschickt und habe entsprechend schnell die Sprache erlernt und mich integriert. In Wien habe ich dann auch mein Jura-Studium abgeschlossen und die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. Das hatte viele Vorteile, und ausserdem verbindet mich natürlich auch eine Menge mit Österreich. Schliesslich habe ich dort eine wesentliche Zeit meines Lebens verbracht.“

 

Was ist heute noch indisch an Ihnen?

 

MK: „Ich glaube, man legt seine Wurzeln nie ab, und man sieht mir meine Herkunft ja auch an. Ausserdem denke ich schon, dass mir eine gewisse Gelassenheit und Offenheit eigen sind, die man indisch nennen kann. Dazu gehört es, und das ist in einem derart wettbewerbsorientierten Umfeld wie der Formel 1 sehr wichtig, schlechte Erlebnisse rasch abzuhaken und sich positiv auf die Zukunft fokussieren zu können. Mein Hindi ist allerdings nicht mehr so gut, wie ich mir das wünschen würde. Immerhin versuche ich, mit den Kindern ab und zu Hindi zu sprechen. Unser Sohn ist zehn Jahre alt, unsere Tochter sieben. Ich möchte, dass sie die Sprache erlernen. Dabei sind meine Eltern aber die besseren Lehrmeister als ich.“

 

Wie wichtig ist das Formel-1-Rennen Ihrer Meinung nach für Indien?

 

MK: „Grundsätzlich ist es in Indien für jede Sportart schwierig, neben Kricket einen Platz zu finden. Aber ich denke schon, dass das Formel-1-Interesse seit der Premiere im vergangenen Jahr signifikant gestiegen ist. Jedenfalls deutet das Medieninteresse, das wir als Team erfahren, stark darauf hin. Ich finde es stimmig, dass Indien als weiter aufstrebende Nation, als riesiger Markt und High-Tech-Standort mit exzellent ausgebildeten Ingenieuren einen Platz im Formel-1-Kalender gefunden hat. Sowohl die Formel 1 als auch das Land können profitieren.“

 

Welche Chancen hat das Sauber F1 Team beim Grossen Preis von Indien?

 

MK: „Die Streckenführung ist dem Kurs in Korea recht ähnlich. Es gibt langsame und schnelle Kurven sowie eine recht lange Gerade. Es wird allerdings wärmer sein, und Pirelli stellt andere Reifen zur Verfügung – weiche und harte anstatt superweiche und weiche wie in Korea. Das führt zu anderen Rennstrategien. Der Kurs in Indien dürfte für den C31 weder das ideale Terrain noch ein Problem darstellen. Ich bin überzeugt, dass wir dort wieder ordentlich Punkte holen können.“

 

Seit knapp einer Woche sind Sie nun auch Teamchefin an der Rennstrecke. Was bedeutet dieser Schritt für Sie?

 

MK: „Ich freue mich über das Vertrauen, das Peter Sauber in mich setzt. Ich bin ja schrittweise in diese Rolle hineingewachsen. Seit 2000 habe ich die Rechtsabteilung des Unternehmens geleitet, 2001 kam ich in die Geschäftsführung, 2010 wurde ich CEO, seit Ende 2011 halte ich ein Drittel der Firmenanteile. Der Rückzug von Peter Sauber aus dem operativen Geschäft zeichnete sich lange ab. Insofern war dieser jüngste Schritt jetzt gut vorbereitet. Ich bin mir sehr wohl darüber bewusst, was es bedeutet, die Verantwortung für dieses Unternehmen zu tragen, das seit über 40 Jahren existiert und seit fast 20 Jahren in der Formel 1 besteht.“

 

Ist es als Frau schwerer als für einen Mann, als Teamchef akzeptiert zu werden?

 

MK: „Fachlich spielt das Geschlecht sicher keine Rolle. Und weil ich schon so lange dabei bin, glaube ich auch nicht, dass ich stärker als Frau denn als Verantwortliche wahrgenommen werde. Bei Personen, die neu im Geschäft sind, mag es erst einmal ein Aha-Erlebnis geben, aber das legt sich schnell.“

 

Wie kommen Sie mit der Doppelbelastung Beruf und Familie zurecht?

 

MK: „Das funktioniert meistens sehr gut, ist in manchen Situationen aber auch eine organisatorische und emotionale Herausforderung. Ganz wichtig ist in meinen Augen, die Kinder einzubinden. Wir halten auch während der Rennwochenenden Kontakt. Wir telefonieren oder skypen, da gibt es ja heutzutage zum Glück gute Möglichkeiten. Daheim federn mein Mann, meine Eltern und ein Kindermädchen meine beruflichen Abwesenheiten ab. Ich habe da starke Unterstützung, und die Kinder sind richtig stolz auf das, was ihre Mutter macht.“

 

Wie sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf für das Sauber F1 Team zufrieden?

 

MK: „Mit vier Postplätzen und mittlerweile 116 WM-Punkten können wir als Privatteam sicher stolz auf unsere bisherigen Leistungen sein. Natürlich gab es auch Rennen, in denen Dinge schief liefen und wir wichtige WM-Zähler haben liegen lassen. Das Auto, der Sauber C31-Ferrari, ist ein guter Wurf und hat bewiesen, dass er auf fast allen Arten von Rennstrecken  wettbewerbsfähig sein kann. Manche nennen ihn eines der besten Autos im Feld. Jetzt geht es darum, den Schwung mit in die verbleibenden vier Rennen zu nehmen. Wir haben nach wie vor das ehrgeizige Ziel, um Platz fünf in der WM der Konstrukteure zu kämpfen. Und dabei habe ich sowohl in unsere Mannschaft in Hinwil als auch in die Crew an der Rennstrecke und in unsere beiden Fahrer, Kamui Kobayashi und Sergio Pérez, grösstes Vertrauen.“

 

Was waren für Sie persönlich die Highlights der bisherigen Saison?

 

MK: „Da muss ich jetzt für einmal die nüchtern sachliche Ebene verlassen: Es war sehr ergreifend, als Kamui in Japan als Dritter ins Ziel fuhr.“