Saubers Technischer Direktor James Key analysiert die Fortschritte der Schweizer bei den Wintertests und relativiert das Handicap der unerfahrenen Piloten

Der aktuelle C30 ist der erste Sauber-Ferrari, der unter der Regie von James Key entwickelt wurde. Der Brite kam vor einem Jahr als Nachfolger von Willy Rampf nach Hinwil und soll gemeinsam mit den beiden jungen Fahrern Kamui Kobayashi und Rookie Sergio Perez frischen Wind ins Team bringen. Bei den bisherigen Wintertests war Sauber zwar meistens unauffällig, aber auch problemfrei unterwegs. Im Interview mit ‚Motorsport-Total.com‘ zieht Key nach drei von vier Tests eine erste Zwischenbilanz.

Frage: „James, ihr habt schon einige gute Rundenzeiten erzielt und euer Auto sieht auf der Strecke nicht schlecht aus, besonders hinsichtlich der Stabilität in schnellen Kurven…“
James Key: „Von der Stabilität her ist es im Vergleich zum Vorjahr definitiv ein Fortschritt. Das kommt einerseits von dem, was wir ohnehin versuchen und erreichen wollten, und andererseits von den Richtungen, die wir erkunden und die dabei helfen, das Auto stabiler zu machen. Die Hochgeschwindigkeits-Performance, die wir im Vorjahr hatten, ist immer noch da. Wir haben noch Arbeit vor uns, aber eines unserer Ziele war, testen zu gehen, das Auto zu verstehen und keine bösen Überraschungen zu erleben. Das ist in etwa der Punkt, an dem wir uns im Moment befinden.“

Aufholbedarf in langsamen Passagen

Frage: „Im Vorjahr wart ihr auf schnellen Strecken konkurrenzfähig, auf langsamen Strecken weniger. Hier macht das Auto in den schnellen Kurven wieder einen starken Eindruck, in der Schikane aber weniger. Ist das eine richtige Einschätzung?“
Key: „Im Moment wahrscheinlich schon. In Barcelona sind wir in Sektor eins und zwei gut dabei, aber Sektor drei ist ein Schwachpunkt.“ „Wir haben die langsamen Passagen noch nicht hundertprozentig im Griff, aber das liegt zum Teil an der Balance. Außerdem verschleißen wir die Reifen sehr schnell, weil wir in den Hochgeschwindigkeits-Kurven so schnell sind. Aber es stimmt schon, an den langsamen Passagen müssen wir arbeiten. Wir sind nicht schlecht, aber sicher nicht hundertprozentig dort, wo wir sein wollen.“

Frage: „Das Mittelfeld, in dem wir Sauber erwarten, scheint mit Toro Rosso und Williams in guter Form sehr umkämpft zu sein. Siehst du diesen Bereich des Feldes auch als besonders umkämpft an?“
Key: „Es ist in der Tat eng, aber schwer zu sagen. Die verschiedenen Reifenmischungen bieten einen Rundenzeiten-Vorteil, wenn man weicher geht. Gehst du also mit wenig Benzin und weichen Reifen raus, dann siehst du schnell aus.“ „Das war aber nicht unsere Herangehensweise. Wir haben uns lieber auf das Setup und auf grundlegende Dinge als auf die schiere Performance konzentriert. Es sieht aber in der Tat eng aus und es ist schwierig einzuschätzen, wo alle stehen. Wo wir stehen, weiß ich auch nicht. Ich glaube, wir sind dabei und haben uns für eine vernünftige Herangehensweise entschieden.“

Frage: „Abgesehen von einem Unfall hattet ihr bisher einen recht reibungslosen Winter. Ist es euch gelungen, die üblichen Kühlungsprobleme früh in den Griff zu bekommen, um euch auf andere Dinge konzentrieren zu können?“
Key: „Mit der Kühlung sind wir wirklich zufrieden. Was das Layout angeht, haben wir uns dieses Jahr für ein anderes Konzept entschieden als im Vorjahr. Es ist ziemlich aggressiv. Die Kühler sind zwar effizienter, liegen aber enger beisammen. Wir glauben, dass das für die Kühleffizienz besser ist als das Konzept des C29. An anderen Stellen des Autos mussten wir sehr wohl mit dem thermischen Management herumspielen, aber das waren keine Probleme, die uns wirklich aufgehalten hätten.“

Frage: „Das Team ist zwar schon einmal mit KERS gefahren, aber für dich persönlich ist es die erste Erfahrung mit KERS. Außerdem verwendet ihr ein Ferrari- statt des alten BMW-Systems. Wie findest du es?“
Key: „Es war eine Lernerfahrung. Ich kann nicht sagen, was 2009 in diesem Team war, aber es gab einige Leute mit schlechten Erinnerungen an KERS – wie wahrscheinlich bei den anderen Teams auch. Das Gute an der Ferrari-Einheit ist, dass sie schon eine Saison lang erprobt wurde und dass Ferrari eines der Teams war, das damals schon mit KERS gefahren ist. Es ist ein etabliertes System, das für heute aktualisiert und optimiert wurde.“

„Was die Bremsvorgänge angeht, wusste ich nicht recht, was ich erwarten soll, aber das hat sich als problemlos herausgestellt. Ferrari hat wirklich gute Arbeit geleistet, denn unsere Fahrer hatten überhaupt keine Bremsprobleme. Gut ist auch, dass es konstant ist. Du brauchst einen Rhythmus – und den lässt dieses System zu. Die Dinge, wegen derer ich im Vorhinein besorgt war, haben sich als problemlos herausgestellt.“

Schwächen des C29 ausgemerzt

Frage: „Kamui scheint einer der Fahrer zu sein, die den verstellbaren Heckflügel auf der Bremse am spätesten zurückstellen, und nach den Kurven macht er die Lücke zwischen den Querplatten sehr früh wieder auf. Kann man daraus schließen, dass ihr auf der Bremse ein sehr stabiles Auto habt?“
Key: „Scheint so. Bremsstabilität und Einlenkverhalten waren Schwächen des C29. Die Priorität für den C30 war, diese zu beseitigen. Wir sind angenehm überrascht darüber, was für einen Unterschied wir erreicht haben. Bremsen und Lenken sind keine Probleme, was wichtig ist, denn wenn du mit einem losen Heck kämpfst, kann sich das negativ auf den Reifenverschleiß auswirken.“

Frage: „Sergio war ein paar Mal neben der Strecke. Muss man das bei einem Neuling erwarten?“
Key: „Bis zu einem gewissen Grad. Der Ausritt in Jerez war einfach Unerfahrenheit und Optimismus auf seiner Seite – ich persönlich finde, er hätte da lupfen müssen. Der Ausritt in Barcelona kam wegen rutschiger Verhältnisse zustande. Außerdem dauert es ein wenig, sich an die Reifen zu gewöhnen, also kann man ihm kaum dafür den Schädel einhauen, dass er mal ausgerutscht ist. Ansonsten war er gut. Er muss sich noch ans Auto gewöhnen und das Beste herausholen, aber seine Longruns waren konstant.“

Frage: „Ist die unerfahrene Fahrerpaarung mit Kamui und Sergio in irgendeiner Form eine Bremse für die Weiterentwicklung des Teams?“
Key: „Nein, glaube ich nicht. Beide geben ihr Bestes und liefern uns brauchbares Feedback. Kamui ist sehr gut. Er versucht, uns so gut es geht beim Verstehen der Reifen und des Fahrverhaltens zu helfen, und wir stimmen mit ihm überein, wo die Schwächen liegen, an denen wir als nächstes arbeiten müssen. Sein Feedback deckt sich mit dem, was wir sehen.“

„Du wünschst dir immer einen Referenzpunkt mit viel Erfahrung, denn die Routiniers erinnern sich manchmal an etwas, was sie vor fünf Jahren erlebt haben, und wissen dann genau, was in so einem Fall zu tun ist, aber für uns ist das nicht wirklich ein Problem. Sergio lernt sehr schnell dazu, lernt die Dinge verstehen und fängt langsam an, proaktiv Kommentare abzugeben anstatt darauf zu warten, nach etwas gefragt zu werden. Er bringt Ideen ein und diskutiert in der Garage über Dinge, was für sein Alter recht gut ist. Es ist nie ganz ideal, in einer so unerfahrenen Position wie wir zu sein, aber es ist sicherlich kein Handicap für das Team.“

Frage: „Am Saisonbeginn rechnen wir mit einigen chaotischen Rennen. Ihr hattet bisher ein reibungsloses Testprogramm. Glaubst du, dass ihr daher gerade zu Beginn einige gute Ergebnisse erzielen könntet?“
Key: „Das hoffen wir und das ist der Plan. Wir sind nicht zufrieden damit, zum Mittelfeld zu gehören. Wir wollen gegen die Jungs kämpfen, die vergangenes Jahr vor uns waren – genau wie alle anderen auch.“

„Es ist ein harter Wettkampf, aber wenn wir die Reifen gut verstehen, zuverlässig und konstant sind, dann haben wir in den ersten Rennen eine gute Chance. Die Leute haben Probleme und man weiß nie. Es gibt diese Chance, aber wir dürfen uns nicht darauf verlassen, sondern wir müssen das Auto so weiterentwickeln, dass es aus eigener Kraft Punkte holen kann.“

Frage: „Bekommt ihr für den nächsten Test Updates?“
Key: „Es ist ein ziemlich anderes Paket, wir bekommen einiges. Wenn wir alles ans Auto schrauben würden, würde es ziemlich anders aussehen. Die meisten dieser Teile werden wir beim nächsten Test fahren und es besteht die Möglichkeit, einige Teile erst nach dem ersten Rennen zu fahren. Gut möglich also, dass wir zum ersten Rennen ein Update haben werden und kurz danach gleich wieder. Da kommt noch einiges.“