“Stehaufmännchen” Nick Heidfeld hat es wieder einmal geschafft, in letzter Minute ein Cockpit zu ergattern – Renault “musste schnell reagieren”

Nick Heidfeld, für viele das “Stehaufmännchen” der Formel 1, hat es wieder mal geschafft: Bereits zum vierten Mal in seiner Karriere sah es über den Winter so aus, als würde er in der bevorstehenden Saison keine Grands Prix bestreiten, aber in letzter Minute gelang ihm am vergangenen Wochenende doch noch der Sprung zu Renault.

In Jerez de la Frontera saß er am Samstag im neuen R31, um Teamchef Eric Boullier von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. “Quick Nick” machte dann tatsächlich seinem Namen alle Ehre, erzielte Tagesbestzeit und brummte seinen Referenzwerten im gleichen Auto eine (Bruno Senna am Sonntag) beziehungsweise zwei Sekunden (Witali Petrow am Donnerstag und Freitag) Rückstand auf. Die heutige offizielle Bekanntgabe war danach nur noch Formsache.

Für Renault war von Anfang an klar, dass ein Routinier den Zuschlag erhalten würde, schließlich braucht man neben Petrow eine sichere Größe, auf die man sich verlassen kann. Die Variante Heidfeld mag in den Augen mancher Beobachter nicht die spannendste sein, aber sicherlich die solideste. Außerdem ist der 172-fache Grand-Prix-Teilnehmer ein verlässlicher Wert, wenn es um die Weiterentwicklung des möglicherweise sehr konkurrenzfähigen R31 geht.

In einer ungewissen Situation wie diesen Winter steckte Heidfeld nicht zum ersten Mal. Als er Ende 2003 von Peter Sauber keinen neuen Vertrag mehr bekam, fand er erst in letzter Minute bei Jordan Unterschlupf. 2005 setzte er sich kurz vor Saisonbeginn in einem Stechen um ein freies Williams-Cockpit gegen Antonio Pizzonia durch. Und 2010 begann er als (fast beschäftigungsloser) dritter Mann bei Mercedes, ehe er über den Umweg Pirelli noch in einem Sauber-Stammcockpit landete.

Verbleib in der Formel 1 hatte Priorität

Dort stand jedoch früh fest, dass 2011 Kamui Kobayashi und Sergio Perez fahren würden, also musste sich Heidfelds Manager Andre Theuerzeit nach Alternativen umsehen. Die gab es zu dem Zeitpunkt nicht mehr. In den vergangenen Wochen deutete alles darauf hin, dass er seinen Schützling erneut als dritten Mann bei Mercedes parken und parallel eine zweite Karriere in der DTM vorbereiten würde – bei Mercedes oder auch dem für 2012 erwarteten Neueinsteiger BMW.

Doch Priorität hatte für Heidfeld immer die Formel 1. Als sich dann aufgrund des schweren Rallye-Unfalls von Robert Kubica am 6. Februar in Italien eine unerwartete Chance auftat, war er jedoch zur Stelle. Allerdings hätte sich der 33-Jährige natürlich andere Umstände gewünscht als schwere Verletzungen seines früheren BMW-Teamkollegen (2006 bis 2009). “Ich habe am Sonntagmorgen von dem Unfall erfahren”, erinnert er sich.

Nach dem ersten Schock über Kubicas Zustand sei schon der zweite Gedanke gewesen, dadurch vielleicht eine Chance auf ein Stammcockpit zu bekommen, gibt er ehrlich zu: “Danach war es eine unschöne Situation. Wenn es für ihn schlimmer ist, dann ist es für mich besser. Das war ein komisches, beklemmendes Gefühl. Aber ich kann nichts machen – wenn ich die Chance bekomme, muss ich sie nutzen.”

Hoch anrechnen muss man Theuerzeit, dass er in der vergangenen Woche im Rahmen der SpoBiS in Düsseldorf jeden Kommentar zur Renault-Situation verweigerte, obwohl er natürlich längst Kontakt zu Boullier aufgenommen hatte: “Mit Respekt vor Robert halten wir es momentan nicht für angemessen, darüber zu spekulieren”, betonte der Heidfeld-Manager, der uns am Sonntagabend via E-Mail mitteilte: “Bin seit Tagen enorm im Stress!” Nicht umsonst, wie wir jetzt wissen.

“Ich wäre natürlich lieber unter anderen Umständen in die Formel 1 zurückgekehrt, aber ich bin stolz, diese Chance zu erhalten”, erklärt Heidfeld. “Es ist alles so schnell gegangen, aber ich bin von dem, was ich von der Fabrik und der Hingabe der Leute in Enstone gesehen habe, sehr beeindruckt. Ich habe den Test in Jerez wirklich genossen und mich schon mit den Jungs an der Strecke angefreundet. Das Auto gibt mir ein gutes Gefühl und es ist sehr innovativ. Ich bin extrem motiviert und kann den Saisonstart kaum abwarten.”

Boullier ergänzte am Mittwochnachmittag: “Das Team hat ein paar schwierige Wochen durchgemacht und wir mussten schnell reagieren. Wir haben Nick vergangene Woche in Jerez eine Chance gegeben und er hat uns wirklich beeindruckt. Er ist schnell, erfahren und technisch sehr stark, was das Feedback und das Verständnis für das Auto angeht.”

“Wir haben immer gesagt, dass es für uns Priorität hat, einen erfahrenen Piloten im Auto zu haben, und wir haben das Gefühl, dass er der richtige Mann für den Job ist”, fuhr Boullier fort. “Wir sind froh, Nick im Team willkommen zu heißen und freuen uns auf einen starken Saisonstart mit ihm und Witali in Bahrain.”