Saubers Technischer Direktor James Key in seiner Medienrunde über den neuen C30, die Regeln für 2011 und das Debütjahr für Neuling Serio Perez

Im vergangenen Jahr stellte sich James Key einer neuen Herausforderung, nachdem er zuvor bereits mit Force India einige respektable Ergebnisse erzielt hatte. Beim nach dem BMW Ausstieg neu formierten Sauber-Team fand der britische Techniker allerdings eine große Baustelle vor, die es erst einmal aufzuräumen galt. Gemeinsam mit dem Rennstall aus Hinwil machte Key sukzessive Fortschritte, die schließlich im neuen C30 münden. Im Mediengespräch nimmt Key Stellung dazu.

Frage: „James, was war die Herausforderung beim Designen des neuen C30?“
James Key: „In meinen Augen stand uns im Bereich der Aerodynamik die größte Aufgabe ins Haus, wo wir doch einen neuen Diffusor entwerfen mussten. Dadurch veränderte sich die aerodynamische Arbeitsweise des Autos in vielerlei Hinsicht. Die alten Diffusoren brachten nämlich sehr viel Leistung. Es war eine große Herausforderung, mehr aus diesem Paket herauszuholen.“

„Am Anfang schien das ziemlich leicht möglich zu sein. Mit dem Einbau von KERS beschäftigten wir uns schon frühzeitig und konnten das System in unser Design einbauen. Das ist eine weitere Neuheit in diesem Jahr. Auch das war und ist eine Herausforderung. Die wahrscheinlich größte Nummer ist aber wohl, vorherzusagen, wie sich die Reifen verhalten werden.“

„Die Pirelli-Reifen sind noch sehr neu. Pirelli hat in den vergangenen Monaten tolle Arbeit geleistet, um Formel-1-Pneus zu erstellen. Wir mussten unser Auto entwerfen, ohne dabei genau zu wissen, was wir erwarten dürfen. Mit dieser Herausforderung mussten sich aber auch die anderen Teams herumschlagen.“

Der C30 soll regelmäßig in die Punkte fahren

Frage: „Welche Ziele hast du dir beim C30 gesetzt?“
Key: „Es geht darum, im Vergleich zum vergangenen Jahr einen Schritt nach vorne zu machen. Gleichzeitig wollen wir an einige Trends anknüpfen, die wir uns bereits 2010 angesehen haben. Mit dem C29 konnten wir sie aber nicht umsetzen.“

„Bei einem neuen Fahrzeug kannst du in gewisser Hinsicht ein bisschen mehr ans Limit gehen. Wir wollten uns ein flexibleres Auto bauen und einen Rennwagen, der über eine bessere Stabilität verfügt. Es ging uns um eine bessere Arbeitsplattform. Damit möchten wir regelmäßig in die Punkte fahren. Darauf haben wir es abgesehen.“

Frage: „Was sind die Vor- und Nachteile bei der Nutzung von KERS? Wie schwierig war es, KERS in ein recht straffes Aerodynamik-Paket einzubauen?“
Key: „2009 griffen eigentlich nur zwei Teams wirklich kontinuierlich auf KERS zurück. Damals steckte diese Technologie in der Formel 1 gewissermaßen noch in den Kinderschuhen. Alle Teams mussten sich erst einmal mit dieser Materie auseinander setzen, sie kennen lernen und erfahren, wie man sie am besten einsetzt.“

„Letztendlich nutzten lediglich Ferrari und McLaren das KER-System über eine komplette Saison hinweg. 2009 gab es auch einige Stolpersteine beim Einbau von KERS. Wir hatten zum Beispiel ganz andere Aerodynamik-Regeln. Wir konnten uns nicht zeitgleich auf mehrere Projekte konzentrieren. Das ist jetzt anders – genau wie einige Rahmenbedingungen wie die Gewichtsverteilung und dergleichen.“

„KERS ist in diesem Jahr etwas leistungsneutraler, wo die Autos nun doch 20 Kilogramm mehr wiegen dürfen. Das ist sicher eine große Hilfe. Die neue Gewichtsverteilung kommt KERS, aber auch den neuen Reifen zugute. Als wir das aus praktischer Sicht erörterten, entschieden wir uns dazu, KERS zu integrieren.“

„Wir nutzen das System von Ferrari, das natürlich nicht unbedingt auf ein Kundenteam zugeschnitten ist. Das hat uns aber nicht allzu sehr behindert. Es war eine geringere Herausforderung als es noch vor ein paar Jahren den Anschein hatte. Für uns geht es nun darum, die Vorteile von KERS auf der Strecke umzusetzen. Wir wollen sicherstellen, dass alles passt.“

KERS zwingt die Formel 1 zu Kompromissen

Frage: „Sauber hat eine der besten Windkanal- und CFD-Anlagen in der Formel 1. Konntet ihr KERS und den verstellbaren Heckflügel in eure Simulationen mit einbeziehen? Falls ja: Was waren die Erkenntnisse daraus?“
Key: „Aus aerodynamischer Sicht geht es bei KERS im Prinzip hauptsächlich darum, es ins Auto zu packen.“

„Ab Mai 2010 setzten wir uns mit der grundlegenden Architektur des Fahrzeugs auseinander – mit KERS im Hinterkopf. Im Windkanal probierten wir verschiedene Ansätze aus, um KERS im Rennwagen zu haben. Was den verstellbaren Heckflügel betrifft: Ja, dafür mussten wir den Windkanal und auch CFD sehr intensiv verwenden.“

„Genaue Ergebnisse bekommt man vom CFD, das finale Resultat gewissermaßen vom Windkanal. Letzterer war sehr nützlich bei dieser Aufgabe, denn Sauber verfügt über eine exzellente Anlage auf hohem Niveau. Gerade bei so sensiblen Dingen wie dem verstellbaren Heckflügel ist es prima, gute Werkzeuge zu haben, um sie zu entwickeln. Wir versuchten, die Gegebenheiten bestmöglich zu nutzen.“

Frage: „Wird der verstellbare Heckflügel für mehr Überholmanöver sorgen?“
Key: „Es ist schwierig vorherzusehen, ob eine einzelne Änderung ausreicht, um das Überholen in der Formel 1 zu erleichtern.“

„Unterm Strich wäre es in meinen Augen zu gefährlich, bei solchen Dingen zu wie zu gehen. Letztendlich sollte es auf die Fähigkeiten der Fahrer im Auto ankommen. Mit Kamui waren wir im vergangenen Jahr sehr gut aufgestellt, weil er ein Kämpferherz bewiesen hat. Er hatte keine Überholhilfen an Bord. Das kam von ihm selbst, lag aber natürlich auch an unserer Strategie.“

„Der verstellbare Heckflügel könnte ein Fortschritt sein. Es wurde schon intensiv darüber diskutiert, wie man dieses Element zum Arbeiten bekommt und wie man es reguliert. Die FIA hat einen gewissen Spielraum, um festzulegen, dass das Überholen nicht zu leicht und nicht zu schwierig wird. In vielerlei Hinsicht müssen wir einfach abwarten.“

„Es wird sich jedenfalls anders verhalten als mit dem F-Schacht von 2010. Der Nutzen im Rennen ist ein Kompromiss, denn wenn du für das Qualifying ein sehr effizientes System hast, wirst du vielleicht auf etwas mehr Flügel setzen. Im Rennen könnte das für Probleme sorgen, wenn du es nicht zum Einsatz bringen kannst.“

„Dann hat man unter Umständen einen Nachteil. Man sollte auch strategische und taktische Möglichkeiten nicht außer Acht lassen. Ob es das Überholen verbessert, wird sich zeigen. Ich denke, es wird sich etwas verbessern und dadurch kommt auch etwas mehr Farbe ins Spiel. Es muss halt kontrolliert ablaufen.“

Wie viel Leistung ging über den Winter verloren?

Frage: „Im vergangenen Jahr probierte Sauber zum Saisonende nicht mehr sehr viel aus. Wie viel konnte das Team trotzdem für 2011 lernen? Wie ist es um die Ressourcen im Team bestellt, um in diesem Jahr eine kontinuierliche Entwicklung an den Tag zu legen?“
Key: „Das ist eine gute Frage, denn am Saisonende sieht man sich eigentlich immer einem Kompromiss gegenüber.“

„Was wir im vergangenen Jahr an großen Verbesserungen nicht ans Auto schraubten, war der auspuffangeströmte Diffusor. Das lag am Timing und an den dadurch entstehenden Vorteilen. Wir hätten dieses Element vielleicht nur in den letzten vier, fünf Rennen einsetzen können. Wären dann Probleme aufgetreten, wäre wenig Zeit geblieben, um diese zu beheben.“

„Das wäre riskant gewesen und dieses Risiko wollten wir nicht eingehen. Wir hatten das Gefühl, dass uns das zu sehr ins Hintertreffen befördern würde. Weil dieser große Brocken weg war, konnten wir uns allerdings auf ein umfangreiches Singapur-Update konzentrieren. Außerdem hatten wir genug Zeit, um uns den Vorbereitungen für 2011 zu widmen.“

„Ab einem gewissen Zeitpunkt im Jahr konzentriert man sich aber ohnehin auf das neue Auto. Unser C30 stand jedenfalls schon seit Mai 2010 im Windkanal. Ich würde nicht sagen, dass die Planungen für 2011 durcheinander geraten sind. Wir entschieden uns dazu, den neuen Diffusor nicht zu bringen, doch dadurch hat sich rein gar nichts verändert.“

„Für 2011 haben wir uns eine recht zielgerichtete Herangehensweise zurechtgelegt. Das am Montag vorgestellte Auto ist in erster Linie ein Rollout-Modell. Bis zum Saisonstart werden wir noch einige ordentliche Fortschritte damit machen. Außerdem werden wir im Saisonverlauf noch weitere geplante Updates einführen. Das ist natürlich eine Hilfe für das Team, denn so kann man auf etwas hinarbeiten.“

„Wir befinden uns nämlich nicht in einer Position, in der wir alles an der Strecke ausprobieren können. Wir müssen daher sehr gewissenhaft vorgehen. Wir werden daher Schritt für Schritt vorgehen – es sei denn, ein flüssigeres Programm sollte sich zu einem Zeitpunkt als vorteilhafter erweisen. Dahingehen bleiben wir flexibel.“

Perez soll sich als Formel-1-Pilot etablieren

Frage: „Wie groß ist der Leistungsverlust im Hinblick auf den fehlenden Doppeldiffusor? Was glaubst du: Wie viel an Power könnt ihr im Saisonverlauf zurückgewinnen?“
Key: „Ich werde bestimmt keine Zahlen nennen, wenn das okay ist. Wir sind nicht überrascht darüber, dass wir ein paar Einbußen haben. Die Doppeldiffusoren brachten einfach viel Leistung.“

„Wir reden hier jedenfalls von einem großen Batzen, aber da sitzen alle im selben Boot. Wir haben nun allesamt kleinere Diffusoren am Auto, doch die sind wahrscheinlich nicht gar so schwierig zu entwickeln, wie wir erwartet hatten. Wir befinden uns jetzt zwar auf einem niedrigeren Niveau, doch im Saisonverlauf sollte es einigen Teams gelingen, durchaus auf ähnliche Levels wie 2010 zu gelangen.“

„Wir liegen im Augenblick gut im Rennen, machen aber weiterhin Druck für unser Bahrain-Update. Man kann aber schon sehen, wo die Reise hingeht. Neue Ideen kommen auf und dergleichen – es gibt noch viele Möglichkeiten. Ich denke, das trifft auch auf die Konkurrenz zu. Irgendwann werden wir die alten Werte erreichen oder vielleicht sogar übertreffen.“

Frage: „Sergio Perez bestreitet in diesem Jahr seine erste Formel-1-Saison. Ihm steht dabei wohl eine steile Lernkurve ins Haus. Was erwartet das Team von ihm?“
Key: „Uns ist natürlich nicht entgangen, dass sich Sergio in seiner erst zweiten Saison in der GP2 ungeheuer gut verkauft hat. Wir hatten 2010 schon sehr gute Erfahrungen mit Kamui Kobayashi gemacht, der sein Talent unter Beweis stellen konnte. Wir hoffen, dass es mit Sergio ähnlich abläuft. Für einen Rookie ist es derzeit aber nicht einfach.“

„Die Formel 1 ist im Augenblick ungeheuer konkurrenzfähig. Schon seit drei Jahren geht es wirklich eng zu zwischen den Teams. Sowohl ihm als auch uns steht also eine große Herausforderung bevor. Sergio hat im Winter sehr viel trainiert und brennt förmlich darauf, ins Auto zu steigen. Er fiebert seiner Chance regelrecht entgegen und das ist auch gut so. Das ist sehr positiv.“

„Wir haben ihm klar zu verstehen gegeben, dass wir ihn bestmöglich unterstützen werden und dass er möglichst eng mit dem Team zusammen arbeiten soll. So muss eine Partnerschaft mit einem Formel-1-Neuling aussehen. Bis zum Test in Bahrain sollten wir in einer Situation sein, in der er sich wohlfühlt. Er versteht das Auto und sein Feedback ist auf einem guten Niveau.“

„Er muss jetzt halt noch lernen, wie man in Qualifikation und Rennen mit den Reifen umgeht. Das sind einfach die Baustellen, welche man mit einem Rookie bearbeiten muss. Im Rahmen der nächsten vier Testphasen werden wir ein bestimmtes Programm absolvieren, damit er beim Saisonstart in Topform ist. In Kamui hat Sergio eine prima Messlatte. Das dürfte ihm zugute kommen.“

Das Jahr danach: Sauber ist auf Kurs

Frage: „Sergio ist nicht nur ein Formel-1-Fahrer, sondern obendrein noch eine Hilfe, wichtige Sponsorengelder aus Mexiko zu generieren…“
Key: „Wir haben ihn ausgewählt, weil wir den Eindruck haben, dass er der Richtige für diesen Job ist.“

„Seine Verbindung zur Wirtschaft in Mexiko ist wahrscheinlich eher eine Frage für Monisha (Kaltenborn, Team-Geschäftsführerin; Anm. d. Red.). Ich bin nur der Techniker (lacht; Anm. d. Red.). Sergio sitzt im Cockpit, weil wir glauben, er kann diese Aufgabe erfüllen. Das hat er schon in der GP2 unter Beweis gestellt.“

Frage: „Als du vor etwa einem Jahr von Force India zu Sauber gegangen bist, war das Team aus Hinwil in einem recht schwierigen Zustand. Hat es sich seither so entwickelt, wie du das damals erwartet hast?“
Key: „Ja. Das Team hat sich in den vergangenen zehn Monaten unheimlich verändert.“

„Als ich dem Team beitrat, hatte es eine sehr knifflige Phase durchgemacht. In der Winterpause davor wurde schließlich der Mitarbeiterumfang reduziert und auch das Auto hatte einige Probleme. Die Situation war ein bisschen wacklig. Man arbeitete aber schon sehr intensiv daran, das Ruder wieder herumzureißen.“

„Beim Entwickeln dieses Autos für Sauber fühlte es sich schon deutlich besser an, als zu dem Zeitpunkt meiner Ankunft im Team. Man spürt in dieser kleinen Mannschaft einfach eine bessere Effizienz. Das ist in vielerlei Hinsicht aber keine Überraschung. Das ist natürlich nur meine persönliche Wahrnehmung. Es läuft prima. Die Kommunikation stimmt und alle machen viel Druck.“

„Die Atmosphäre ist klasse und die Motivation ist ebenfalls da. Ich habe schon viele Stimmen gehört, wonach das Team insgesamt nun besser dastünde als nach der Umstrukturierung von 2010 – im Hinblick auf die Stabilität, die Ziele, die wir uns vorgenommen haben, oder auch in Bezug auf die Pläne für den C30. Es fühlt sich auf gute Art und Weise anders an.“