Kamui Kobayashi spricht über sein Qualifying in São Paulo und lässt ein Jahr Formel 1 Revue passieren: “Habe jetzt eine andere Freundin!”

Vor genau einem Jahr fuhr sich Kamui Kobayashi als Timo-Glock-Ersatz bei Toyota in São Paulo in die Herzen der Fans: Der kampfeslustige Japaner tanzte dem angehenden Weltmeister Jenson Button rundenlang auf der Nase rum, kam schließlich als Neunter ins Ziel – wofür es am 18. Oktober 2009 noch keine WM-Punkte gab.

Bei Sauber ist Kobayashi zur großen Entdeckung der Saison geworden, denn erst biss sich Pedro de la Rosa an ihm die Zähne aus und jetzt tut sich auch Nick Heidfeld schwerer als erwartet. Im gestrigen Qualifying stellte Kobayashi gegen seinen deutschen Teamkollegen auf 3:1 und belegte den zwölften Platz. Anschließend nahm er sich Zeit, um sein erstes Jahr in der Formel 1 Revue passieren zu lassen. Dabei wurde uns klar, dass der 24-Jährige kein Mann großer Worte ist…

Frage: “Kamui, du hast es locker in Q2 geschafft, aber es schien so, als würde das Auto im Nassen besser funktionieren als anschließend bei auftrocknender Piste…”
Kamui Kobayashi: “Ich glaube, ich war mit den Reifen zu aggressiv. Wir haben sie auf den trockenen Stellen beschädigt, daher fand ich keinen Grip mehr. Wenn die Intermediates einmal beschädigt sind, dann hast du auf den feuchten Stellen auch keinen Grip mehr.”

WM-Punkte als Ziel

Frage: “Was hältst du im morgigen Rennen für möglich?”
Kobayashi: “Punkte, wie immer.”

Frage: “Vor einem Jahr hat mit dir alles in Brasilien angefangen. Denkst du daran zurück, wenn du aus dem Hotel an die Strecke kommst?”
Kobayashi: “Nein, nicht wirklich.”

Frage: Was hat sich in deinem Leben seither geändert?”
Kobayashi: “Eigentlich nichts.”

Frage: “Außer dass du jetzt erste Klasse fliegst…”
Kobayashi: “Nein, ich fliege noch die gleiche Klasse wie im Vorjahr. Aber ich habe jetzt eine andere Freundin!”

Frage: “In Brasilien wirst du als Held bewundert, fast wie ein Brasilianer. Fühlst du dich als etwas Besonderes, weil du manchmal so aggressiv überholst?”
Kobayashi: “Nein. Ich versuche einfach, den besten Job für das Team zu erledigen. Manchmal geht man dabei Risiken ein, aber wenn nichts passiert, dann ist es ja okay.”

Frage: “Wie bewertest du deine Saison auf einer Skala von eins bis zehn?”
Kobayashi: “Sechs.”

Frage: “Und wo liegen die vier fehlenden Punkte? Wie kannst du dich noch verbessern?”
Kobayashi: “Ich habe in Kanada ein paar Fehler gemacht und bin in Singapur gecrasht. Mein Ziel für diese Saison war, keine dummen Fehler zu machen, aber manchmal sind mir im Qualifying auch Fehler passiert und mir haben ein paar Zehntel gefehlt, weshalb ich dann nicht ins Q3 gekommen bin. In der Formel 1 ist es wichtig, immer einen perfekten Job zu machen. Das ist natürlich mein Ziel.”

Frage: “Perfektion kommt durch Können und harte Arbeit, aber auch durch Erfahrung. In welchen Bereichen musst du dich noch am meisten steigern?”
Kobayashi: “Ich brauche noch etwas mehr Erfahrung. Das ist das Wichtigste.”

Frage: “Jeder Tennis- oder Golfspieler hat einen Trainer, aber kein einziger Formel-1-Fahrer. Findest du, dass Rennfahrer Trainer haben sollten?”
Hülkenberg: “Nein, das glaube ich nicht. Jeder Fahrer hat ein anderes Gefühl und andere Sensoren, wie bei einem Computer. Da ist jeder anders. Jeder hat Talent und sollte das auf seine Weise nutzen.”

Clever geht’s auch ohne Trainer

“Man braucht keinen Trainer, man muss in der Formel 1 einfach clever sein. Manche Fahrer sind schnell, aber nicht clever. Dann kann man in der Formel 1 nicht überleben. Man muss einfach studieren, wo die Probleme liegen. Jeder Fahrer muss darüber nachdenken, welche Fehler er gemacht hat, und darüber mit den Ingenieuren sprechen.”

Frage: “Hast du viel über deine Rennen nachgedacht? Und konntest du dich während der Saison steigern?”
Kobayashi: “Ja, ich glaube schon. In dieser Situation ist es schwierig, viel zu lernen, weil wir keine Kilometer mehr haben. Vor ein paar Jahren hat man noch viele Testkilometer abgespult, vielleicht 6.000, 7.000, 8.000 Kilometer, aber jetzt haben wir fast keine Tests mehr. Die Zeiten sind anders geworden, aber gerade deswegen muss man umso mehr denken und sehr clever sein.”

Frage: “Nächstes Jahr wirst du bei Sauber Teamleader sein. Bist du darauf vorbereitet und hast du genug Erfahrung dafür?”
Kobayashi: “Ich muss ja sagen, sonst wäre es schlecht für Peter (Sauber; Anm. d. Red.) und mich!”

Frage: “Du bist dieses Jahr schon einige Male auf harten Reifen gestartet und hast dann gegen Rennende mit den weichen Reifen einige Gegner überholt. Ist das eine Strategie, die dir besonders gefällt, oder sind es einfach die Umstände, die dazu führen?”
Kobayashi: “Mir macht alles Spaß. Manche Fahrer mögen nur das Qualifying oder das Rennen, aber mir gefällt alles und ich versuche, alles zu genießen. Das ist mir sehr wichtig.”

Frage: “Das nächstjährige Auto wird das erste sein, in dessen Entwicklung du involviert warst. Wie stark warst du involviert und hat dich das Team im Designprozess oft um Input gebeten?”
Kobayashi: “Ich war jetzt längere Zeit nicht in Europa, weshalb ich noch nichts vom nächstjährigen Auto gesehen habe. Ich habe aber die Punkte klargemacht, bei denen wir uns verbessern müssen.”

“In diesem Jahr hat es an mehreren Enden gefehlt und wir haben das schon lange aufgezählt. Inzwischen sammle ich mit diesem Auto hoffentlich noch viele Punkte für das nächstjährige Budget. Wir geben so viel Feedback wie möglich. Hoffentlich werden wir ein gutes Auto haben.”