Es gibt nicht immer erfreuliches im Motorsport zu berichten. Die Zeiten haben sich zwar geändert, denn früher war der Motorsport lebensgefährlich und der Sex sicher. Heute ist es umgekehrt. Dass der Tod auch heute noch allgegenwärtig ist, mussten wir mit Entsetzen erfahren. Über dem Rennsport ist derzeit kein guter Stern. In den letzten Wochen haben wir 3 Tote zu beklagen und einen Querschnittsgelähmten. Am 15.08. ist der fünffache französische Bergmeister Lionel Regal in der Schweiz tödlich verunglückt. Im Zweirad Sport starb beim MotoGP Wochenende in Indianapolis am 29.08. der erst 13 Jahre alte Peter Lenz (USA) tragisch in der Aufwärmrunde zum Moriwaki Cup, einer Nachwuchsserie. Er hatte in seiner jungen Karriere bereits 125 Rennen gewonnen und wurde schon als neuer Rossi angekündigt. Vergangenes Wochenende in Misano verunglückte der Japaner Shoya Tomizawa in der Moto2 auf Platz 3 liegend bei einem fürchterlichen Unfall tödlich. Tomizawa hatte das erste Moto2 Rennen der Geschichte in Katar gewonnen. Er wurde nur 19 Jahre alt und starb genau am 40. Todestag von Jochen Rindt. Mehr dazu in den Randbemerkungen… Ferrari ist in der Teamorder Affäre von Hockenheim mit einem blauen Auge davongekommen. Nach mehrstündiger Verhandlung bestätigte der Weltrat des Automobil Weltverbandes FIA am vergangenen Mittwoch in Paris zwar die Geldstrafe in Höhe von 100.000 US Dollar gegen den italienischen Traditionsrennstall, verzichtete aber gleichzeitig auf weitere drastische Sanktionen. Ohne Kommentar…

Freies Training:

Es fällt mir schwer zur Normalität zurückzukehren, aber die Welt dreht sich weiter. 21°C in Monza und die Sonne scheint. Rot ist im königlichen Park verständlicherweise die dominante Farbe. Die Fahrzeuge erreichen 4x pro Runde mehr als 300 Km/h. Die Randsteine wurden modifiziert um das überfahren dieser etwas einzudämmen. 1.31.396 ist die erste Zeit, gefahren von keinem geringeren als Michael Schumacher gleich zu Begin. Bei Red Bull hat man die gesamte innere Seite des Heckflügels in Giftgrün für Aerodynamik Tests eingesprüht, um die Luftverwirbelungen des neuen Unterboden sichtbar zu machen. Sieht von hinten fürchterlich aus. Selbst die Antriebswellen sind besprüht worden. Der zweifache Indy 500 Sieger Dario Franchitti ist zu Gast bei Force India. Sein Cousin Paul di Resta ist ja bekanntlich dort Testfahrer. Nach knapp einer halben Stunde ist MSC schon bei 1.26.038 angekommen. Vettel setzt die Bestmarke mit 1.23.872 und 332 Km/h Höchstgeschwindigkeit nach gut 50 Minuten Dauer. Das ist schon schneller als 2009. Am Ende ist Button der Bestzeithalter, knapp vor Vettel. Das ist die eigentliche Überraschung, dahinter HAM, KUB, ROS, das sind die Top 5 am Vormittag. Ferrari nur auf P8 und 9, knapp eine Sekunde Rückstand. 345 Km/h ist die Bestmarke – bis jetzt… Nach wie vor glänzende Bedingungen am Nachmittag und gleich reger Verkehr. Lebenszeichen von Ferrari mit P2, hinter erneut Button. Verspätete Ausfahrt bei Hamilton. Der Grund, er fährt ohne F-Schacht, ist tatsächlich schneller als Button und fährt bis dahin Bestzeit mit 1.23.154 Minuten. Kobayashi ist über dem Limit in der 2. Lesmo und wirbelt kurzfristig jede Menge Staub auf. Jubel bei den Tifosi, Massa setzt bei noch 26 Minuten auf der Uhr die Bestzeit mit 1.23.061 Minuten. Riesen Glück bei Massa, er kommt in der Parabolika ins Kies, kann aber den Einschlag um Haaresbreite verhindern. Seinen Mechanikern stehen kurzzeitig die Haare zu Berge. Dann geht’s Schlag auf Schlag. Zunächst Bestzeit für Alonso, dann kontert erneut Vettel, 1.22.839 stehen zu Buche. Webber rollt in Lesmo 1 aus (Wasserleck). Wie gewohnt am Ende des 2. feien Trainings Tests mit vollen Tanks, deutlich an den Rundenzeiten zu erkennen. Timo Glock im Virgin setzt die Bestmarke bei der Höchstgeschwindigkeit mit 345 Km/h. Zur aller Überraschung ist Red Bull am schnellsten. Vettel, vor Alonso, Massa, Hamilton und Button ist die Momentaufnahme am Freitagvormittag. Perfekte Bedingungen am Samstagvormittag. Es ist windstill und sonnig bei 22°C. Dennoch erstaunlich wenig Betrieb in der ersten viertel Stunde. Bei McLaren werden wieder beide Varianten verwendet. Einer mit (BUT) und einer ohne F-Schacht (HAM). Dieser ist 0,8 Sekunden schneller als Button. Noch immer keine Zeit von Ferrari nach 30 Minuten. Luca di Montezemolo, der Boss ist anwesend und der Druck auf Ferrari ist immens. Man möchte offenbar Motoren schonen, denn am Samstag muss der Rennmotor eingebaut sein. Alonso fährt die 7. beste Zeit bei noch 28 Minuten auf der Uhr. 5 Minuten später ist er schon 3. nur noch 0.075 Sekunden hinter Hamilton. Erneut bleibt Webber stehen – in Turn 1. Motor aus, bei noch 18 Minuten (Gemischentzündung im Ansaugtrakt des Motors). Am Ende heissen die Top 5: Hamilton, Vettel, Alonso, Massa und Button. Die beiden Ferrari nur durch 4 Tausendstel getrennt. Es wird sehr eng werden im Kampf um die besten Startpositionen fürs Rennen am Sonntag. Rätselraten bei Mercedes, denn Rosberg ist 10 Km/h auf den langen geraden schneller als Schumacher und keiner weis warum…

Abschlusstraining:

Bei McLaren rückt man tatsächlich mit zwei verschiedenen Fahrzeugen aus. Button mit F-Schacht und Hamilton ohne. Deutlich zu erkennen am steilen Heckflügel und dem Verbindungsstück zwischen Motorhaube und Heckflügel bei Jenson. Den Sponsor wir es freuen, klar ab zu lesen, was da steht, während bei Lewis der Heckflügel flach wie ein Bügelbrett ist und das Verbindungsstück fehlt. Optisch viel schöner – meiner Meinung nach… 26°C und weiter beste Bedingungen im königlichen Park zu Monza. In Q1 sind die beiden Ferrari Top. P1 und P2. Massa fährt die bis dahin schnellste Zeit des Wochenendes mit 1.22.421 Minuten. Alguersuari im Toro Rosso ist mit 348 Km/h in Punkto Geschwindigkeit am schnellsten. Draussen sind wie gewohnt die 3 neuen Teams und Liuzzi im Force India, der nur eine Zeit setzen konnte, aber aufgrund eines Defektes nicht mehr zum Fahren kam. Beide Sauber scheitern in Q2, wenn es um die Top 10 geht, wie auch Petrov, Sutil, Schumacher und die beiden Toro Rosso. Q3 und Luca di Montezemolo sitzt auf der Werkzeugkiste in den Ferrari Boxen und fiebert mit, wenn es um alles oder nichts geht, im Kampf um Pole. Entscheidung in Monza: Alonso macht den Traum der Tifosi wahr. Monza verleiht Ferrari Flügel! P1! Button auf 2, dahinter Massa, Webber, Hamilton und Vettel. Die erste Pole seit 30 Rennen für Ferrari, die erste Pole 2010. Rosberg auf 7, Hülkenberg auf 8 vor Kubica und Barrichello, dem Vorjahressieger im Brawn GP. Button hat Hamilton sauber abgeledert… Vettel ist etwas nachdenklich und weis nicht, was genau schief gelaufen ist. Nico Rosberg freut sich, dass seine Mutter mal anwesend ist und auch noch Interviews gibt. Petrov muss 5 Plätze zurück in der Startaufstellung, für Blockieren an Glock, der ebenfalls 5 Plätze zurück muss, wegen Differenzialwechsels.

Höhepunkte des Rennens:

Es ist das schnellste Rennen des Jahres und für Ferrari der wichtigste Grand Prix 2010 mit der allerletzten Chance in die Fahrer WM einzugreifen. Alonso schenkt den Tifosi in seinem ersten Jahr bei Ferrari gleich die Pole Position. Ein Podium ist ein absolutes muss! Warmer Empfang für Michael Schumacher in Italien. Die Fans haben nicht vergessen, was er für Ferrari alles erreicht hat, 5 Titel in Folge sind ein Rekord für die Ewigkeit. Wenn er nun auch für Mercedes fährt. 24°C und Sonnenschein sind optimale Vorraussetzungen für ein spannendes 14. Rennen 2010. Die Windschattenschlacht im königlichen Park zu Monza kann beginnen. Kamui Kobayashi hat Getriebeprobleme und muss aus der Boxengasse starten. Start: Sehr guter Start von Button! Er setzt sich gleich neben Alonso und schnellt nach vorne in Führung. In der ersten Schikane wird es eng, Alonso trifft Button leicht im Heck und beschädigt den Diffusor. Webber kommt schlecht weg und fällt bis auf Rang neun zurück. Vettel und sogar Schumacher sind vorbei. Grossartig ist der Start für Rosberg gelaufen, er liegt auf P4. Sutil wird dagegen umgedreht und verliert jede Menge an Boden. Runde 1: Aus für Hamilton! Der WM Leader wirft sich selbst aus dem Rennen. In der zweiten Schikane greift er Massa an, kommt aber nicht richtig daneben. Massa macht die Tür zu und Hamilton bricht sich an seinem Hinterrad die Vorderradaufhängung. Das Rennen endet im Kies. Runde 22: Webber geht an Vettel vorbei. Platzwechsel bei Red Bull. Vettel meldet Motor Probleme. So etwas deutete sich schon im Qualifying an, als das neue Aggregat plötzlich weniger Top-Speed hatte als der alte aus dem Training. Runde 24: Bei Vettel läuft das Auto wieder. Die Rundenzeiten, die kurzfristig abgefallen sind, haben sich nun wieder normalisiert. Runde 37: Der Führende Button kommt zu seinem einzigen Boxenstopp, aber beide Ferrari fahren weiter. Jetzt geht es um den Sieg. Runde 38: Alonso geht in Führung. Ganz knapp wird es bei der Boxenausfahrt. Alonso und Button sind nebeneinander, aber der Ferrari Pilot hat die Innenbahn und setzt sich durch. Runde 51: Webber kämpft schon rundenlang gegen Hülkenberg, der zwar immer wieder Fehler macht und Schikanen abkürzt, aber mit Zähnen und Klauen seinen Platz verteidigt. Doch dann erhöht Webber das Risiko und presst sich aussen in der zweiten Schikane am Williams Piloten vorbei. Runde 53: Vettel kommt in der letzten Runde zum Stopp! Er hat es bis zuletzt ausgereizt – und alles richtig gemacht! Er kommt noch vor Rosberg zurück auf die Strecke und wird damit Vierter. Er nimmt Webber noch Punkte ab – eine taktische Meisterleistung. Ziel: Alonso gewinnt vor Button und Massa. Ferrari und Italien feiern eine Party. Nach Analyse der Telemetriedaten stellte sich nun heraus, dass mit dem Motor bei Vettel alles in Ordnung war. Vielmehr zeigte die Analyse nach dem Rennen, dass sich wohl eine der Bremsen nach der Durchfahrt durch die Ascari-Schikane nicht korrekt gelöst hatte und das Auto dadurch abgebremst wurde.

Fazit:

Ferrari ist zurück, zumindest im Kampf um die Krone der Fahrer Weltmeisterschaft. McLaren hat sich auf den Arm nehmen lassen und ist Ferrari mit einem vorgetäuschten Boxenstopp auf den Leim gegangen. Der Schlüssel zum Erfolg war, so lange wie möglich mit den weichen Reifen zu fahren… sieh Vettel, er hat erst in der vorletzten Runde gewechselt und P4 erreicht.

Fussnote:

Schnellste gezeitete 1. Rennrunde: 1.28.114 BUT – Schnellste Rennrunde: 52. Runde von 53: 1.24.139 ALO

Mann des Rennens:

Nico Hülkenberg, er fuhr in seiner ersten Saison ein super Rennen und das mit einem unterlegenen Auto. Von Ihm werden wir noch viele gute Rennen sehen, da bin ich mir sicher.

Flop des Rennens:

Lewis Hamilton, wenn er im Interview sagt, dass Vettel noch viel lernen muss, dass sage ich, dass er mindestens genauso viel zu lernen hat. Ein Rennen in der ersten Runde gewinnen zu wollen hat noch nie funktioniert.

Szene des Wochenendes: Für mich ganz klar die Gesichter der Mechaniker von Felipe Massa, als er in der Parabolika im freien Training am Freitag beinahe sein Auto zerlegt hat.

Randbemerkungen:

Der zweimalige Formel 1 Weltmeister Emerson Fittipaldi (72 und 74) wird die Rennleitung beim Großen Preis von Italien unterstützen und als vierter Rennkommissar fungieren. Nach Kanada kommt der Brasilianer, im Autodromo Nazionale di Monza zum zweiten Mal in dieser Saison in dieser Funktion zum Einsatz.

Bei Sauber hat man verdienterweise den Vertrag von Kamui Kobayashi verlängert.

Am 12.08.1985, also vor fast genau 25 Jahren ist Manfred Winkelhock in Mosport (Kanada) tödlich in einem Porsche 962 verunglückt. Als dann auch noch wenige Wochen später, am 01.09.1985 das bis dahin grösste deutsche Motorsport Talent ebenfalls tödlich verunglückte, war die gesamte Motorsportwelt im Schockzustand. Er hält bis heute noch den Rundenrekord auf der Nürburgring Nordschleife, gefahren mit einem Porsche 956 und einer Durchschnittsgeschwindigkeit über 200 Km/h und einer Rundenzeit von 6:11,13 Minuten für eine Strecke mit 20,835 Km aus dem Jahre 1983. Der damals amtierende Formel 1 Weltmeister Keke Rosberg zum Vergleich war über eine halbe Minute langsamer!!! Beim Versuch, Jacky Ickx aussen zu überholen, kollidierte Bellof beim 1000 km Rennen in Spa Francorchamps in der Senke „Eau Rouge“ mit dem Belgier. In dieser Kurve zu überholen, galt damals allgemein als unmöglich. Stefan Bellof – er wurde nur 27 Jahre alt und war der erste deutsche Weltmeister auf einer Rundstrecke – auf Porsche 956 im Jahre 1984. Er fuhr 1984 und 1985 für das Tyrell Team Formel 1 und hatte für 1986 einen Vertrag von Ferrari in der Tasche. Sein Überhohlmanöver im Regen in Monaco 1984 gegen Rene Arnoux in Mirabeau ist legendär. Es war das Rennen, das wegen starkem Regen vorzeitig abgebrochen wurde und es halbe Punkte gab. Bellof startete aus den hinteren Reihen und wurde am Ende dritter, direkt hinter einem gewissen Ayrton Senna. Nicht wenige sind der Meinung, dass ohne Abbruch wohl Bellof der Sieger gewesen wäre. Prost gewann und am Ende der Saison gab es das knappste Ergebnis in der Geschichte der Formel 1. Niki Lauda sicherte sich mit einem halben Punkt Vorsprung im letzten Rennen den Weltmeistertitel.

„Wenn der Tod den Titel überholt“ schreibt Heinz Prüller, österreichische Kommentator Legende und bester Freund von Jochen Rindt. Ich war damals 5 Jahre alt und kann mich an den Unfall am 5. September 1970 im Abschlusstraining in Monza sehr gut erinnern. Vermutlich ist vorne rechts die Bremswelle beim Anbremsen der Parabolika gebrochen. Sie war unglaubliche 31 Stunden Rennen und Trainings an seinem Lotus 72 im Einsatz. Rindt hatte Angst, bei einem Feuerunfall nicht schnell genug aus dem Auto zu kommen und hatte den Gurt um seine Beine nicht angelegt. Sein Auto bog nach links in die Leitplanken ab und er rutschte unter dem Gurt hindurch. Seine Beine waren im Freien und er hatte sich starke Schnittwunden zugezogen, die Halsschlagader ist durchtrennt, worauf er im Krankenwagen verblutet ist. Zitat Rindt: „ Entweder sterbe ich in einem Lotus, oder ich werde Weltmeister.“ Tragisch, dass beides Realität wurde. Eigentlich war Jochen Rindt deutscher Staatsbürger. Er wurde am 18. April in 1942 Mainz geboren. Seine Eltern kamen 1943 bei einem Fliegerangriff im 2. Weltkrieg ums Leben. Er wuchs bei seinen Grosseltern in Österreich (Graz) auf und hatte immer einen deutschen Pass. Er fuhr aber mit einer österreichischen Lizenz und wird deshalb als Österreicher betrachtet. Auf die Frage: „Sind sie Österreicher?“ antwortete er: „Nein, ich bin Deutscher.“ Im Anflug auf die Parabolica, in der fast auf den Tag genau neun Jahre zuvor am 10. September 1961 Wolfgang Graf Berghe von Trips sein Leben gelassen hatte, wiederholt sich die Geschichte…

Das war’s aus Monza, bis in zwei Wochen zum Highlight des Jahres. Das Nachtrennen in Singapur.

Keep racing © f1tommy, 2010