Sauber-Technikchef James Key im Interview: Warum man trotz Personalschwund die Aero-Abteilung aufstockt und man sich über 2012 weniger Sorgen macht als andere.

Der ehemalige Force-India-Technikchef James Key wechselte während der Saison zum Sauber-Rennstall. Und geriet damit in die Höhle des Löwen: Das einstige Herstellerteam war mitten in einer schwierigen Umstrukturierungsphase, auch der neue Bolide wurde den hohen Erwartungen nach den Testfahrten nicht gerecht. Dementsprechend durchwachsen verlief der Saisonstart: Die Zuverlässigkeit war mangelhaft, die Piloten Pedro de la Rosa und Kamui Kobayashi patzten regelmäßig – und die Sponsoren blieben fern.

Erst beim siebenten Saisonrennen in Istanbul eröffnete Koboyashi mit Platz zehn das Punktekonto der Schweizer Mannschaft, doch dann war der Bann gebrochen: Bei den vergangenen zwei Saisonrennen sicherte der Japaner seinem Rennstall gleich 14 WM-Punkte. Im Interview erklärt Technikchef Key, wie er den Rennstall derzeit umstrukturiert und warum man die Saison 2010 noch lange nicht aufgibt und dennoch sorgenfrei ins nächste Jahr gehen kann.

Die Gründe für den Aufwärtstrend

Frage: „James, bei Sauber ging es zuletzt aufwärts. Wie siehst du die Fortschritte der letzten Monate?“
James Key: „Es geht in die richtige Richtung. Auch die Zuverlässigkeit ist jetzt besser, wir beenden die Rennen. Schon davor haben wir festgestellt, dass unser Renntempo recht vernünftig ist, da wir aber selten ins Ziel kamen, erreichten wir kaum Punkte. Pedro lag in Schanghai auf Platz vier oder fünf, als er ein Problem hatte. Die Zuverlässigkeit hat uns sehr oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir mussten unser Auto auch effizienter machen, weil es auf den Geraden nicht schnell genug war – das schwächt uns auf gewissen Strecken. Außerdem fehlt uns die Stabilität bei niedriger Geschwindigkeit, bei hoher Geschwindigkeit ist sie sehr gut, da fühlen sich die Fahrer sehr wohl. Wir versuchen also, unsere Schwächen zu beseitigen.“

Frage: „In Silverstone habt ihr große Fortschritte im Qualifying gemacht.“
Key: „Ja. Kanada war kein sehr gutes Wochenende für uns, das hat uns alle sehr frustriert. Obwohl wir nicht sehr viele Runden im Rennen fahren konnten, war vor allem das Qualifying sehr schwach. Pedro hatte einen großartigen Start und war schon Neunter, doch er schaffte es nicht durch diese letzte Kurve. Auch Valencia war etwas enttäuschend, natürlich gab es dafür Gründe. Wir wussten, dass wir einfach ein paar Zehntel benötigten, denn derzeit ist alles sehr knapp beisammen. Die Renn-Performance war dort aber schon viel besser. Also mussten wir uns auf das Qualifying konzentrieren, denn das würde sich dann auch im Rennen positiv auswirken. Wir hatten vor Silverstone viel Arbeit vor uns, da ging es um das mechanische Setup, damit sich unsere Fahrer im Auto wohler fühlten.“

Frage: „In welche Richtung wird die Entwicklung jetzt gehen? Wird euch der angeblasene Diffusor bei den nächsten Rennen beschäftigen?“
Key: „Sicher werden wir daran weiter arbeiten – wir müssen herausfinden, wo die Vorteile herkommen. Wir werden ihn verwenden, wenn wir uns damit wohl fühlen, da brauchen wir noch einige Kilometer. Da geht es um die Leistung und um die Fahrbarkeit, doch auch darum, wie man es einbaut – um die Reifen und um die Auspuff-Abgase. Wir werden daran weiter arbeiten und haben schon erkannt, dass es Vorteile bringt. Außerdem haben wir hier ein neues Paket mit normalen Updates, die unsere Schwächen weiter abbauen sollten. Zudem arbeiten wir an Updates, die später in der Saison kommen werden, zum Beispiel das Paket für Monza. Wir planen also weitere Entwicklungen für den Rest der Saison.“

Wie Key das Sauber-Team umstrukturiert

Frage: „Wie sieht es mit dem Auto für 2011 aus? Ich gehen davon aus, dass ihr daran schon sei einiger Zeit arbeitet.“
Key: „Wir arbeiten an parallelen Programmen. Es ist noch zu früh, um die Entwicklung am aktuellen Auto einzustellen, weil alle so knapp beisammen liegen. Also teilen wir unsere Ressourcen auf. Das aktuelle Auto steht immer noch im Vordergrund und wird noch im Windkanal weiterentwickelt. Natürlich verschieben sich die Ressourcen immer mehr zum neuen Auto, doch derzeit handelt es sich wirklich um zwei parallele Programme und wir werden daran nichts ändern, solange wir in keiner Position sind, in der wir uns wohl fühlen. Wir machen derzeit gute Fortschritte.“

Frage: „Auch die Restrukturierung des Teams hat euch zuletzt beschäftigt – das Team muss an seine neue Größe angepasst werden. Wie weit ist dieser Prozess fortgeschritten?“
Key: „Es sind immer noch einige Änderungen notwendig. Die letzte Änderung war die Gründung einer Vehicle Performance Group, die durch die Zusammenlegung von sehr ähnlichen Gruppen entstanden ist. Das ist der Versuch, die Chassis-Entwicklung und die Simulationsgruppen unter ein Dach zu bringen – das läuft ganz gut. Jetzt müssen wir die Aerodynamik-Gruppen erweitern, weil das ein sehr wichtiger Bereich für das Team ist. Wir führen da gerade eine neue Struktur mit einem leicht veränderten Zugang ein, die ab dem nächsten Monat umgesetzt wird. Der Vorteil der neuen Struktur ist, dass sie leichter erweiterbar ist und wir dadurch mehr Leute hineinbringen können – das sollte uns die nächsten sechs Monate beschäftigen.“

Warum man die Aero-Abteilung verstärkt

Frage: „Das Team ist sehr gut ausgerüstet. Ist es ein Problem, dass ihr eure Ressourcen aufgrund der Redimensionierung gar nicht so richtig nützen könnt?“
Key: „Ja, das ist tatsächlich alles andere als einfach. Wir haben das Equipment eines viel größeren Unternehmens, das steigert natürlich auch die Erwartungshaltung. Der Großteil der Leute im Team weiß, was wir zu tun haben und wie wir uns an die neue Struktur anpassen müssen – der Großteil weiß, wer wir als Team jetzt sind. Dennoch gibt es auch einen kulturellen Unterschied, der in machen Bereich besser funktioniert als in anderen, wo es einfach noch Zeit braucht. Ein Teil dieser Anpassung ist es aber auch, gewisse Bereiche im Team zu verstärken.

Das ist eben auch der Grund, warum wir die Aero-Gruppe vergrößern. Die Ausstattung, die uns zur Verfügung steht, ist fantastisch. Die CFD-Technologie, der Windkanal – das sind absolute Spitzeneinrichtungen. Wir müssen mehr daraus machen. Da gibt es so viel mehr, das wir dort herausholen können. Wenn wir eine größere Gruppe von Leuten in diesem Bereich einsetzen, dann können wir den Gewinn daraus maximieren. Das müssen wir in den nächsten sechs Monaten optimieren. Außerdem muss der gesamte Prozess geschmeidiger laufen, doch das benötigt Zeit.“

Frage: „Wie siehst du die Größe des Teams in Hinblick auf die Ressourcenrestriktionen, die 2012 kommen?“
Key: „Das ist auf jeden Fall eine unserer Stärken, wenn es darum geht, wo das Team derzeit steht. Wir müssen uns da nicht mehr großartig anpassen. Das war ohnedies immer der Plan. Die Verkleinerung hat bei uns schon stattgefunden – das ist kein einfacher Prozess, doch wir haben ihn bereits abgeschlossen. Es geht nur noch darum, unsere Arbeitsprozesse an die aktuelle Größe anzupassen. Wir müssen eigentlich nur noch die Aero-Abteilung umstrukturieren und dann wird 2012 einfach ein weiteres Jahr für uns und nichts, worüber wir uns allzu große Sorgen machen müssen.“

Frage: „Das heißt, dass ihr nächstes Jahr ein mittelgroßes Team sein werdet.“
Key: „Ja, das denke ich auch. Nächstes Jahr sollten wir auf 350 Leute herunterkommen, in dem Bereich sollten wir sein.“

Die Vorteile des BMW-Abschieds und die Motorenfrage

Frage: „Das BMW Sauber F1 Team war immer eines der vorderen Mittelfeld-Rennställe. Muss das euer Ziel sein, wieder auf dieses stabile hohe Niveau zu kommen?“
Key: „Ja, absolut. Natürlich gab es dieses Jahr seit dem Saisonstart schon einige Hochs und Tiefs, von denen wir uns erholen müssen. Aber das Sauber-Team ist wie ein großes Team aufgezogen. Wenn wir alle effizient in die selbe Richtung gehen – was ab einer gewissen Größe möglich ist, wenn die Bürokratie wegfällt und man direkt miteinander kommunizieren kann -, dann werden wir uns stark verbessern.

Das in Kombination mit unserer Ausstattung sollte uns dazu verhelfen, unser hohes Leistungsniveau wieder liefern zu können. Das wird Zeit brauchen, doch wir haben rechtzeitig mit den Vorbereitungen für das nächste Jahr begonnen und sind sehr ambitioniert. Wir hatten natürlich auch für dieses Jahr ambitionierte Ziele, die wir noch nicht erreicht haben – doch das Auto ist sicher stark verbessert. Nächstes Jahr wird aber alles viel besser eingespielt sein, dann können wir uns noch einmal verbessern.“

Frage: „Diese Saison musste ein Übergangsjahr für das Team werden – mit all den Veränderungen.“
Key: „Richtig, es ist eine Übergangszeit, weil das Team aus einer völlig anderen Situation hervorgegangen ist, als die, in der wir uns jetzt befinden und wo wir uns hin entwickeln. Es muss alles zur Ruhe kommen und den Platz finden, wo es hingehört. Dass das gerade passiert, gibt uns sehr viel Zuversicht für die Zukunft. Man wird sehen, wie viele Fortschritte wir im kommenden Jahr machen werden. Viele Leute befinden sich schon jetzt in den richtigen Positionen und es macht einen riesigen Unterschied, wenn man schon im vorhinein über den Motor Beschied weiß und jeder weiß, was der andere tut – nur so kann der Entwicklungsfluss aufrecht erhalten werden.“

Frage: „Ihr werdet weiterhin mit Ferrari zusammenarbeiten?“
Key: „Ja, das ist ein mehrjähriger Vertrag.“

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