Was hat sich in fünf Jahren geändert? Was 2005 anders war als 2010 und welche Richtung die Formel 1 in Zukunft einschlagen sollte

Am Abend des 21. Juni 2005 hat Peter Sauber mit seiner Unterschrift unter den Vertrag mit BMW den Verkauf seines Formel-1-Teams an den Münchner Automobilhersteller besiegelt. Knapp fünf Jahre später ist der mit dem ‚Motorsport-Total.com‘-Ehrenpreis für das Lebenswerk ausgezeichnete Schweizer in Hinwil wieder sein eigener Chef.

Sauber hatte nie vor, noch einmal in die Formel 1 zurückzukehren, doch nach dem Ausstieg von BMW und dem Fiasko mit dem mysteriösen Investor Qadbak drohte der Standort Hinwil zu kollabieren, wenn er nicht als Retter in der Not eingesprungen wäre. Der 66-Jährige befasst sich jedoch nur so wenig wie möglich mit dem Tagesgeschäft und sieht es als seine wichtigste Aufgabe, das Team auf gesunde Beine zu stellen, damit er sich früher oder später wieder in die Rente zurückziehen kann.

In Monte Carlo empfing Sauber ‚Motorsport-Total.com‘ in seinem Motorhome, einem Überbleibsel der Ära BMW. Wir unterhielten uns mit ihm vor allem darüber, was sich in den vergangenen fünf Jahren in der Formel 1 geändert hat, denn das kann niemand besser beurteilen als er. Dabei fiel uns auf: Mit ein bisschen mehr Distanz zum Grand-Prix-Tagesgeschäft als früher scheint der Schweizer des Jahres 2005 einige Dinge durchaus kritisch zu sehen…

Comeback war nie der Plan

Frage: „Herr Sauber, wir möchten heute mit Ihnen die Unterschiede zwischen 2005, als Sie zuletzt Teamchef waren, und heute besprechen. Seither hat sich viel geändert: FOTA, RRA (Vereinbarung zur Restriktion der Ressourcen; Anm. d. Red.), Budgets, Reifen, Motoren und so weiter. Was finden Sie positiv, was negativ?“
Peter Sauber: “ Ich habe mich Ende 2005 aus der Formel 1 verabschiedet. Für mich war das ein definitiver Abschied. Ich habe nie, nie einen Gedanken daran verloren, wieder zurückzukommen.“

„Dann ist man in vielen Themen nicht mehr so drin, denn die Formel 1 verändert sich von Jahr zu Jahr. Es gibt auch Sachen, die immer gleich bleiben, zum Beispiel dass man sich nicht oder erst im letzten Moment einigen kann – erst dann, wenn man eine Entscheidung treffen muss. Zwei Monate später merkt man, es war die falsche Entscheidung, die man doch korrigieren möchte. Dann geht die Diskutiererei wieder von vorne los. Das ist sicher geblieben.“

„Ich bin auch nicht so im Thema drin, wie ich das damals war, mit all diesen Organisationen. Die FOTA ist eine sehr aktive Sache. Von uns wird das in erster Linie von unserem CEO Monisha Kaltenborn abgedeckt. Bei der FOTA gibt es ganz verschiedene Arbeitsgruppen, die sich zum Teil überschneiden mit Arbeitsgruppen der FIA. Da durchzublicken ist nicht so ganz einfach und gehört bei uns in den operativen Bereich. Den deckt Frau Kaltenborn ab.“

Frage: „Ist die Formel 1 billiger geworden?“
Sauber: „Wenn ich zurückgehe, ist sie nicht billiger geworden. Grob geschätzt ist unser heutiges Budget ähnlich hoch wie 2005. Wir hatten natürlich damals für die Ferrari-Motoren einen Sponsor, Petronas. Wenn ich das Geld, das Petronas damals an Ferrari bezahlt hat, zum Budget dazugezählt hätte, dann ist man ungefähr da, wo wir heute auch sind – nur bezahlen wir heute die Motoren direkt.“

Frage: „Aber dafür billiger, oder?“
Sauber: „Viel billiger.“

Budget wird heute anders genutzt

Frage: „Tests gibt es auch nicht mehr.“
Sauber: „Das ist richtig. Aber man hat natürlich sonst sehr stark aufgerüstet. BMW hat in Hinwil kräftig investiert. Wenn man mehr macht und umsetzt, kostet das mehr. Möglicherweise kann man heute mit dem gleichen Budget wie vor fünf Jahren mehr machen. Ganz sicher gehöre ich zu den Befürwortern, dass man die Formel 1 billiger macht. Ich sehe aber auch, dass das nicht so einfach ist, weil bei den Großen offensichtlich genügend Geld vorhanden ist, um es auszugeben.“

Frage: „Ist die Stimmung zwischen der FIA und den Teams jetzt besser als vor fünf, sechs Jahren?“
Sauber: „Ich glaube, das kann man mit ja beantworten. Es gibt derzeit keine Konfrontation zwischen Jean Todt und den Teams. Man muss aber zu den Konfrontationen mit Max Mosley sagen, dass er sehr, sehr viel bewegt hat – nicht nur, was die Sicherheit betrifft, sondern auch sonst. Max ging auf das Ende seiner Amtszeit zu. Das ist immer eine etwas kritische Phase. Dass es da Konfrontationen gab und schlechte Gefühle, ist eigentlich normal. Wenn man über Max Mosley spricht, muss man das Ganze betrachten und nicht nur jetzt diesen letzten Abschnitt.“

Frage: „Sie sind damals auf Bridgestone gefahren und dann zu Michelin gewechselt. Jetzt gibt es Einheitsreifen. Ist das besser für die Formel 1?“
Sauber: „Aus meiner Sicht ist es ganz, ganz wichtig, dass wir alle die gleichen Reifen haben und auch alle gleich bedient werden. Sonst haben wir eine krasse Zweiklassengesellschaft, denn mit dem Reifen können Sie alles machen.“

„Sie können mit einem Reifen zwei, drei, vier, fünf Sekunden herausholen, wenn Sie das wollen, oder Sie können auch die Autos einbremsen. Sie können mit einem Motor keine Sekunde gewinnen und Sie können mit der Aerodynamik nicht zwei Sekunden gewinnen, wenigstens nicht von einem Rennen zum anderen. Mit dem Reifen können Sie alles machen. Wenn es zwei Reifenlieferanten gibt, geht der Reifenkrieg wieder los. Dann ist das eine Sache, die vielleicht nicht mehr ausgeglichen ist.“

Frage: „Wenn Sie sich jetzt entscheiden müssten zwischen zum Beispiel Michelin, die Konkurrenz wollen, und Pirelli, die Einheitsreifen wollen, dann würden Sie sich für Einheitsreifen entscheiden?“
Sauber: „Ja. Namen interessieren mich im Moment nicht, aber für mich ist es ganz wichtig, dass man Einheitsreifen hat.“

Teams sind bereits am Limit

Frage: „Es gibt derzeit eine Einheitselektronik.“
Sauber: „Ich glaube, die hat sich bewährt. Ich kann dazu nichts sagen, aber ich habe nichts Negatives darüber zu sagen.“

Frage: „Der Rennkalender wurde erweitert und soll weiter erweitert werden. Ist das der richtige Weg?“
Sauber: „Es bringt natürlich der FOM (Formula One Management; Anm. d. Red.) mehr Geld, das ist sicher ein Pluspunkt. Auf der anderen Seite wird es für die Teams mit mehr Rennen teurer, das ist ganz klar. Die Teams werden schon sehr strapaziert.“

„Vor allem sind die Termine teilweise sehr unglücklich gewählt. Nicht nur, dass zwischen Barcelona und hier nur eine Woche liegt, ist unvernünftig, sondern wenn ich sehe, dass wir ein Rennen in Japan haben und zwei Wochen später ein Rennen in Südkorea, wo man fast rüberschwimmen könnte, dann ist das sehr unvernünftig. Ich weiß nicht, inwieweit man das ändern könnte, aber für die Teams ist das sehr hart.“

Frage: „2005 gab es für die Teams 23 Prozent aus den Formel-1-Einnahmen, jetzt sind es 50. Hat das in finanzieller Hinsicht auch geholfen?“
Sauber: „Früher hatte man nie den ganzen Kuchen. Wenn ich vom ganzen Kuchen spreche, dann gehören da auch Streckenwerbung, Paddock-Club und so weiter dazu. Das war früher nie ein Thema, sondern wir haben nur unseren Teil aus den Fernseheinnahmen bekommen.“

Frage: „47 Prozent.“
Sauber: “ In dieser Größenordnung.“

Budgetobergrenze keine absurde Idee

Frage: „Wenn man Streckenwerbung, Paddock und so weiter einrechnet, dann waren es früher ungefähr 23 Prozent der Gesamteinnahmen. Jetzt sind es ungefähr 50. Das muss doch helfen…“
Sauber: „Wenn ich das, was wir jetzt bekommen, mit dem vergleiche, was wir früher bekommen haben, dann ist das sicher deutlich mehr. Das ist ein signifikanter Beitrag zum Budget, ganz klar.“

„Wenn man sich da hinbewegen könnte, was Max Mosley mit den 45 Millionen Euro angestrebt hat, wäre das gut, aber die Großen können mit 45 Millionen nicht fahren – zumindest nicht mit den heutigen Strukturen. Ich könnte mir im Moment auch nicht vorstellen, wie wir selbst das machen würden, aber die Grundidee von Mosley war sicher richtig. Am besten wäre es so, wenn man einen großen Teil aus dem Bernie-Geld und mit zwei, drei Sponsoren bezahlen könnte. Dann würde die Formel 1 auf guten Beinen stehen.“

Frage: „Das Bernie-Geld sollte pro Team durchschnittlich bei 25 Millionen Euro liegen. Damit kann man unmöglich ein Team finanzieren.“
Sauber: „Klar, Sponsoren braucht es immer, aber die gibt es ja.“

Frage: „Ist es heute leichter als 2005, Sponsoren zu finden?“
Sauber: „Nein, sicher nicht. Wir haben schon damals nie bei Zigarettenfirmen gesucht, sondern waren da unabhängig. Wir hatten das Glück, dass wir mit langjährigen Sponsoren arbeiten konnten: Petronas 15 Jahre, Red Bull zehn Jahre, Credit Suisse acht Jahre. Das war hervorragend. Ich glaube, es ist heute schwieriger. Es ist vielleicht etwas breiter geworden. Es gibt vielleicht den einen oder anderen Sponsor, der neu dazukommt, weil er die Formel 1 als Businessplattform entdeckt. Auf der anderen Seite haben wir jetzt wirtschaftlich gesehen eine sehr angespannte Zeit. Das macht es natürlich schwierig.“

Frage: „Es gibt derzeit drei Arten von Teams: die großen Teams, die mittleren Teams wie Sauber und die neuen Teams. Ist es möglich, dass eine Organisation wie die FOTA in den Verhandlungen die Interessen aller drei Arten vertreten kann?“
Sauber: „Im Moment funktioniert das. Es ist sicher nicht einfach, die unterschiedlichen Interessen unter einen Deckel zu bringen.“

Demokratie statt Diktatur

Frage: „Sie waren Mitglied der FOCA (Formula One Constructors Association; Anm. d. Red.). Dann wurde das Bernies Organisation und dann gab es lange nichts. Wenn man die FOCA mit der heutigen FOTA vergleicht, sehen Sie dann einen Riesenunterschied?“
Sauber: „Wir haben heute drei Lager: FIA, FOM und FOTA. Eigentlich ist das eine gute Sache. Aber: Wenn man so etwas demokratisch – und bei uns ist es natürlich demokratisch – handhabt, dann hat das auch seine Nachteile, ganz klar. Es gibt längere Wege, man braucht länger, bis man sich zu etwas entschließt, und ein Teil ist immer unzufrieden.“

„Aber wenn Sie das nicht mit einer FOTA lösen, sondern mit bilateralen Absprachen zwischen den Großen und der FIA und Bernie, dann gibt es auch Ärger. Wenn Sie eine so bunt gemischte Gesellschaft haben wie die Formel 1, von HRT bis Ferrari, dann ist das eine Sache, die schwierig ist. Das ist ja nicht nur im Motorsport so.“

Frage: „2005, 2010, 2015: Wie sehen Sie die Zukunft der Formel 1? Soll sie ‚grüner‘ werden?“
Sauber: „Ich persönlich würde nicht versuchen, der Formel 1 so ein grünes Feigenblatt vorzuhängen. Das macht keinen Sinn, finde ich. Aber: Dass man versucht, neue Technologien auch in der Formel 1 einzuführen, das finde ich richtig. Ich glaube daran, dass auch die Formel 1 irgendwann mit Elektromotoren fahren wird, denn das ist der Antrieb der Zukunft. Aber es hat keinen Sinn, dass wir irgendetwas vorhängen, weil es gut ankommt, wie das heute eigentlich die ganze Welt macht.“

Frage: „Was sehen Sie noch als Zukunft für die Formel 1?“
Sauber: „Die Formel 1 hat sich sehr, sehr lange als ein guter Zirkus bewährt. Ich muss sagen, vermutlich dank Bernie. Er hat das ausgezeichnet gemacht – diktatorisch, aber das geht nicht anders. Das ist die einzige Form, die funktioniert, um eine solche Organisation zusammenzuhalten.“

„Es wird auch nach Bernie weitergehen. Die Formel 1 ist die einzige Sportart, die global ist und über das ganze Jahr verteilt wichtige Events hat. Da gibt es nichts Vergleichbares. Motorrad vielleicht, aber auf einem anderen Level. Oder Tennis. Aber ein Tennisspiel wird kaum genutzt, um Geschäfte zu machen. Und die TV-Zahlen sind auch ganz anders.“

Leidenschaftlicher Motorradfahrer

Frage: „Sie glauben also, dass die Formel 1 bleiben und wachsen wird?“
Sauber: „Ob sie wächst, das weiß ich nicht – wir können ja nicht 20 Teams haben.“

Frage: „Haben Sie sich je für Motorradrennen interessiert?“
Sauber: „Ich fahre selbst Motorrad. BMW – aber nicht wegen der früheren Verbindung in der Formel 1, sondern ich bin schon immer BMW gefahren. Ich bin alles gefahren – von den Boxern bis zu den ganz großen Maschinen. In letzter Zeit immer die 1300er-GT. Das ist ein wunderbares Motorrad. Ich finde Motorradrennen attraktiv, denn sie können überholen und die Bewegung ist sehr elegant.“

Frage: „Wie sehen Sie das Sauber-Team in Zukunft?“
Sauber: „Ich bemühe mich im Moment sehr stark, dem Team eine neue Zukunft zu geben. Ich habe natürlich eine sehr schwierige Situation angetreten: kein Startplatz, kein Sponsor – es war einfach nichts da. Das noch dazu zu einem Zeitpunkt, wo Sie keinen Sponsor mehr finden für die nächste Saison. Wir konnten im Januar anfangen, für diese Saison Sponsoren zu suchen. Den einen oder anderen wird es dieses Jahr noch geben, aber das ist mehr Vorbereitung für nächstes Jahr.“

„In der jetzigen Wirtschaftslage ist es sehr schwierig, Sponsoren zu finden. Das ist meine Hauptaufgabe. Wenn ich das mit früher vergleiche, habe ich heute den Vorteil, dass ich in Hinwil ein Management habe, das selbstständig funktioniert. Ich bin operativ nicht im Thema drin – mit Ausnahme von der Marketingseite, die ich natürlich unterstütze. Aber Hinwil funktioniert. Wir haben mit James Key einen guten Technischen Direktor, der etwas frischen Wind reinbringt. Ich glaube, das ist für alle sehr wichtig.“

„Ich mache mir in dem Punkt keine Sorgen, dass das Auto bald wieder weiter vorne sein wird. Es war schon in Barcelona auf einem akzeptablen Level. Kamui war dort sehr gut – und er ist ein Rookie. Also ist das Auto okay – und es wird Fortschritte machen. Das Wichtigste ist sicher, dass ich die Mittel zusammenbringe, aber das wusste ich schon vorher. Gut, das Auto war bei weitem nicht so, wie ich es angenommen hatte, aber sonst hat es keine Überraschungen gegeben. Jetzt mache ich das, was ich früher auch gemacht habe: Geld suchen.“

Frage: „Angenommen, Sie hätten 2005 nicht an BMW verkauft, würde Sauber dann heute noch bestehen? Oder war es damals schon sehr kritisch?“
Sauber: „Ich glaube schon, dass es bestehen würde, denn ich habe immer eine Lösung gefunden. Ich war 17 Jahre in der Formel 1, davor zehn Jahre im Sportwagenbereich. Es gibt die Firma seit 40 Jahren. Es war nicht einfach in dieser Zeit, aber ich habe die Firma ohne Schulden an BMW verkauft.“

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